von STEFFEN WINDSCHALL
17.02.2012
„Jetzt stehen wir da wie kulturpolitische Deppen!“
Streit um Dürer-Bild: Nürnbergs OB Ulrich Maly ist verärgert über das späte Gutachten der Experten
NÜRNBERG Was wann wie genau passiert ist, und was wann wer gesagt, oder eben nicht gesagt hat, ist kompliziert nachzuvollziehen. Tatsache aber ist: Nach dem peinlichen Ende des fränkisch-bayerischen Streits um Dürers „Selbstbildnis im Pelzrock“ sind einmal mehr wir Franken die Dummen, vor allem die fränkischen Politiker.
Nürnbergs OB Ulrich Maly (SPD) fand deutliche Worte für den beispiellosen Vorgang: „Alle, die sich für eine Ausleihe eingesetzt haben, stehen jetzt da wie die kulturpolitischen Deppen“, wetterte er. Er zum Beispiel, oder auch der Schwabacher CSU-Landtagsabgeordnete Karl Freller, der sich im Maximilianeum vehement dafür eingesetzt hatte, das Bild aus München zur großen Werkschau im Germanischen Nationalmuseum (GNM) in Dürers Heimatstadt im Frühjahr (ab 24. Mai) zu transportieren.
Aber dieser Traum ist endgültig geplatzt. Lange sah es so aus, als handle es sich um eine kulturpolitische Affäre, ein Hickhack um „Beutekunst“, wie fränkische Patrioten argumentierten. Letztendlich haben nun aber, das ist die offizielle Lesart, Schäden am Bild den Transport verhindert. Heraus kam das am Montag, als Experten der Münchner Pinakothek und des GNM das Bild genau unter dem Mikroskop begutachteten und zahlreiche gravierende Schäden feststellten, die das Werk „reiseunfähig“ machen.
Pikant: Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) und Wissenschaftminister Wolfgang Heubisch (FDP) wussten schon am Montag von den Untersuchungsergebnissen. Erst am Mittwoch setzte Heubisch die Mitglieder des Landtags davon in Kenntnis. Voraus ging eine hitzge Debatte im Wissenschaftsausschuss um den Bild-Transport.
Völlig unklar ist indes, wer die erneute Untersuchung des Bildes angeleiert hat: OB Maly glaubt, Klaus-Dieter Lehmann, Chef des GNM-Verwaltungsrats, sei der Initiator, um sein Institut vom Vorwurf reinzuwaschen, der Schäden am Bild seien während einer Leihgabe nach Nürnberg im Jahr 1971 entstanden, wie Klaus Schrenk, der Generaldirektor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, behauptet hatte.
Tatsächlich kamen sie jedoch bereits 40 Jahre vorher auf die Leinwand. Andrea Langer hingegen, Sprecherin des GNM, sagte zur AZ, das Wissenschaftsministerium – dem Freistaat gehören vier Neuntel des GNM – habe „die Untersuchung empfohlen“. Vorher war man im GNM der Ansicht, Dürers „Selbstbildnis im Pelzrock“ sei „pumperlgsund“ (Maly) und hat das auch so kommuniziert. Auch Freller ist irritiert: „Irgendwelche Beschädigungen haben in der Diskussion nie eine Rolle gespielt.“
Bleibt die Frage, ob und wie das berühmte Dürer-Bild für die Ausstellung kompensiert werden kann. SPD-Bundestagsabgeordneter Günter Gloser schlug am Donnerstag in seinem AZ-Gastkommentar vor, das Bild per Live-Stream aus der Pinakothek ins GNM zu „übertragen“. Freller bringt die Idee ins Spiel, andere Werke von Dürer nach Nürnberg zu holen.
GNM-Sprecherin Langer ist da skeptisch: „Wir sind kein Event-Karussell, sondern ein Forschungsmuseum.“ Auch die Ausstellung sei „ein Forschungsprojekt“, die Verantwortlichen müssten in der Auswahl der Exponate deren Titel „Der frühe Dürer“ gerecht werden.