von STEFFEN WINDSCHALL
22.02.2012
Leider geil? Leider nicht
Deichkind enttäuschen mit ihrem neuen Album - der Auftritt in Erlangen könnte da wesentlich unterhaltsamer werden...
NÜRNBERG Wie fanden wir das cool, 2000, als mit „Bon Voyage“ deutscher Rap durch einen unfassbar guten Beat auf dem damals untoppbaren Niveau eines Pharrell Williams und durch ganz und gar unteutonische Sexyness endgültig aus Stuttgarter Studenten-WGs befreit wurde. Was haben wir gelacht über die postpubertäre Genialität des Hamburg-HipHop-Referenz-Albums „Noch fünf Minuten, Mutti!“. Und wie haben wir gejubelt, als mit „Aufstand im Schlaraffenland“ und „Arbeit nervt“ Alben produziert wurden, die wie keine anderen deutschen Zeitgeist trafen und internationale Standards setzten.
Jetzt hauen Deichkind – Lieblinge von Feuilleton und Dorfdisco – mit „Befehl von ganz unten“ (Universal) ein Album auf den Markt, das ganz und gar berechnet wirkt, auf zugegebenermaßen hohem Niveau stagniert – und damit auf ganzer Linie enttäuscht.
Die Deichkinder drehen sich im Kreis, dass einem vor Langeweile schwindelig wird. Bier („Befehl von ganz unten“) und prekäres Dasein („Bück dich hoch“), Hedonismus („Egolution“) und ironisierende Kritik der Postmoderne („Illegale Fans“) bleiben die Themen. Pumpender Maximal-Electro bleibt die Musik.
Die allergrößte Unverschämtheit ist der Song „Der Mond“: ein durch und durch absehbarer Abklatsch aus dem Track „Luftbahn“ vom Vorgängeralbum und dem Synthie-Geblubber von Marterias Hit „Verstrahlt“.
Liegt’s daran, dass das 2009 verstorbene Deichkind-Mastermind Sebastian Hackert nicht mehr mitgewirkt hat? Oder daran, dass die Hamburger primär auf ihre fulminanten Bühnenshows (15.3., Erlanger Lades-Halle, 32,40 Euro) setzen? „Die Platte von Deichkind war nich’ so mein Ding, doch ihre Shows sind – leider geil“, heißt es in einem Track.
Leider stimmt’s.