von HELMUT REISTER
07.02.2012
Horror-Droge überschwemmt Franken
Crystal-Speed: Immer mehr Jugendliche sind süchtig
NÜRNBERG Crystal, die gefährliche Droge aus tschechischen Chemielabors, überschwemmt Franken. Auf den grenznahen Wochenmärkten des Nachbarlandes ist der Kauf des Synthetikstoffs ein Kinderspiel. Vor allem jugendliche Kunden decken sich dort problemlos ein.
Die dramatische Entwicklung lässt sich am Zahlenwerk des Hauptzollamts Regensburg leicht ablesen. 2009 erwischten die Fahnder gerade einmal 21 Schmuggler mit 135 Gramm Crystal-Speed. Im letzten Jahr waren es 400, die den Stoff kiloweise über die Grenze brachten. 250 Dealer steckte allein die Staatsanwaltschaft Hof in U-Haft.
Ein erheblicher Teil des in Tschechien produzierten Crystal landet in der Nürnberger Drogen-Szene. „Wir sind die erste Großstadt hinter der Grenze und damit automatisch ein Anziehungspunkt von Drogengeschäften. Wir kennen deshalb auch das Problem mit Crystal“, sagt Robert Schmitt vom Nürnberger Polizeipräsidium.
Die Erkenntnis, dass speziell Oberfranken eine der Hauptschmuggelrouten für die Horror-Droge geworden ist, hat auch die oberste politische Bühne erreicht. Hartmut Koschyk (CSU), Staatssekretär im Bundesfinanzministerium, räumt mit Blick auf die rege Dealerei im bayerisch-tschechischen Grenzgebiet ein: „Die Aufgriffszahlen sind dramatisch gestiegen.“ Diesen Umstand zieht er als Beleg dafür heran, dass die Zusammenarbeit zwischen deutschen und tschechischen Zollfahndern hervorragend funktioniere.
Die SPD-Bundestagsabgeordnete Marianne Schieder aus Schwandorf, deren Wahlkreis von den Schmugglerrouten durchzogen wird, sieht das etwas anders. „Die tschechischen Behörden“, sagt sie, „gehen nicht entschieden genug gegen die Dealer vor.“
Als Mitte der 90er Jahre die ersten synthetischen Drogen aus tschechischen Labors auftauchten, spielten die Vietnamesen-Märkte dabei keine Rolle. Das hat sich in den vergangenen Jahren grundlegend geändert. Weil der tschechische Zoll massiv gegen den Zigarettenschmuggel vorging, brach den vietnamesischen Einwanderern das Tabakgeschäft weg. Sie stiegen auf den Handel mit Crystal um.
Fahnder, die den Drogenmarkt entlang der Grenze genau kennen, sprechen von mafiösen Strukturen, die sich in jüngster Zeit entwickelt haben. Triebfeder ist vor allem der hohe Gewinn, der beim illegalen Handel mit der Modedroge anfällt. Crystal kostet auf den vietnamisischen Wochenmärkten nicht mehr als 30 Euro pro Gramm. Auf der anderen Seite der Grenze, im nördlichen Bayern, explodiert der Preis locker auf 100 Euro und mehr.
Crystal ist vergleichsweise leicht herstellbar. Und die Drogenküchen der tschechischen Dealer sind mittlerweile so ausgereift, dass sie den Stoff mit einem Reinheitsgrad von nahezu 100 Prozent produzieren können. Das macht den Horror-Stoff Crystal noch gefährlicher.