von MARCUS GIEBEL
27.01.2012
"Hecking ist ein großer Stratege"
Hannovers Klub-Boss Kind lobt im AZ-Interview den Club-Trainer und die neue Spielweise. Außerdem spricht er über seine Schelte gegen 96
NÜRNBERG Das erste Auswärtsspiel der Rückrunde führt den Club heute Abend (20.30 Uhr) nach Hannover. Bei 96 hat seit 13 Jahren mit kurzer Unterbrechung ein Mann das Sagen: Unternehmer Martin Kind.
Der 67-Jährige hat in naher Zukunft große Ziele: „Irgendwann sollten wir mal Champions League spielen.“ In dieser Saison backen die Niedersachsen aber noch kleinere Brötchen.
Vor dem Duell gegen den FCN schwärmt Kind im AZ-Interview von den Ex-Hannoveranern Dieter Hecking und Hanno Balitsch, erklärt seine Schelte gegen 96-Sportdirektor Jörg Schmadtke und prophezeit dem Club eine versöhnliche und ruhige Rückrunde.
AZ: Heute Abend gibt es für Sie und Hannover 96 ein Wiedersehen mit Club-Trainer Dieter Hecking – freuen Sie sich darauf?
MARTIN KIND: Na klar, ich freue mich sehr. Ich kenne ihn schon sehr lange, habe ihn hier als Spieler und als Trainer erlebt. Und seither schätze ich ihn nicht nur in diesen Rollen, sondern auch besonders als Mensch.
Seine Familie wohnt ja noch ganz in der Nähe von Hannover. Wie intensiv ist da aktuell der Kontakt zwischen Ihnen und Herrn Hecking?
Wir telefonieren häufig, aber unregelmäßig miteinander. Mal ruft er an, dann melde ich mich mal bei ihm. Eben immer, wenn wir etwas zu besprechen haben.
Mit 101 Bundesligaspielen ist er der Rekord-Trainer von Hannover 96. Was zeichnet Hecking aus?
Er ist ein harter und akribischer Arbeiter und verfügt über ein sehr gutes taktisches und strategisches Verständnis. Seine große Stärke liegt auch darin, mit jungen Spielern zu arbeiten. Sie früh zu entdecken, zu fordern und zu fördern und schließlich zu gestandenen Bundesligaspielern auszubilden.
Verfolgen Sie die Club-Spiele intensiver, seit Hecking hier Trainer ist?
Seine Entwicklung verfolge ich schon, aber das ist unabhängig vom Verein, bei dem er arbeitet.
Mit Hanno Balitsch ist ein zweiter Ex-Hannoveraner in Nürnberg gelandet. Auf was für einen Spieler können sich die Club-Fans da freuen?
Er ist vor allem sehr lauf- und zweikampfstark. Außerdem tritt Balitsch sehr diszipliniert auf, vertritt aber auch immer seine Meinung. Für eine junge Mannschaft wie den Club wird er in den nächsten Monaten und Jahren sehr wertvoll sein.
Wegen eines nicht ausgeheilten Muskelfaserrisses aus seiner Leverkusener Zeit fehlt Balitsch heute. Sind Sie ganz froh darüber, dass er nicht auf der anderen Seite steht?
Verletzungen gehören zum Fußball dazu. Wir sollten immer auf die Spieler schauen, die zur Verfügung stehen. Aber sein Ausfall ist sicher kein Nachteil für uns.
96 wartet seit acht Bundesligaspielen auf einen Sieg – befindet sich Hannover in einer Krise?
Nein, das ist keine Krise. Auffällig ist aber schon, dass wir gegen starke Mannschaften hoch motiviert auftreten und auch gute Ergebnisse liefern, während wir uns gegen vermeintlich schwächere Teams schwer tun. Da fehlt uns schon die Konzentration und vielleicht auch die nötige Leidenschaft.
Vor einigen Tagen haben Sie mit Ihrer öffentlichen Schelte gegen Sportdirektor Jörg Schmadtke und Stürmer Didier Ya Konan für Aufsehen gesorgt. War das rückblickend ein Fehler?
Da wurde aus einer Mücke ein Elefant gemacht. Es war ja zum Ende der Winterpause und es handelte sich nur um einen Small-Talk mit Gerhard Delling. Intern hatten diese Worte von mir aber nie die Bedeutung, die ihnen in der Außenwahrnehmung beigemessen wurde.
Auf Platz sieben liegt 96 nur fünf Zähler hinter dem letzten Europapokalplatz, der Vorsprung auf Relegationsrang 16 beträgt aber auch gerade Mal sieben Punkte – schauen Sie in der Tabelle auch nach unten?
Die Mannschaft hat unser Vertrauen, das haben wir durch die Vertragsverlängerungen mit Manuel Schmiedebach und Christian Pander wieder unterstrichen. Dadurch haben wir jetzt Planungssicherheit. Wir sind realistisch und sehen uns auf den Plätzen sieben bis zehn. Mit dem Abstiegskampf sollten wir bei der Qualität der Mannschaft nichts zu tun haben.
Haben Sie und Ihre Kollegen die Doppelbelastung durch die Europa League unterschätzt?
In der Hinrunde hatten wir acht internationale Spiele, das war schon eine deutliche Mehrbelastung. Durch das K.o.-System wird das jetzt moderater. Dennoch sind wir dabei, uns noch in dieser Transferperiode mit einem Stürmer zu verstärken.
Karim Haggui und Ya Konan sind beim Afrika-Cup, Christian Schulz fällt mit Muskelfaserriss aus, auch Sergio Pinto ist wegen Rückenproblemen fraglich. Muss Trainer Mirko Slomka schon auf das letzte Aufgebot vertrauen?
Pinto wird zu 99 Prozent spielen. Unsere Mannschaft ist sehr ausgeglichen und wird die Ausfälle auffangen, das hat schon beim 0:0 in Hoffenheim geklappt. Trotzdem ist es ärgerlich, dass der Afrika-Cup jetzt stattfindet und nicht parallel zur Europameisterschaft im Sommer.
Das Hinspiel beim Club hat Hannover 2:1 gewonnen, es war bislang der einzige Auswärtssieg. Welche Lehren ziehen Sie aus der Partie?
Gegen den Club hatten wir oft enge und ausgeglichene Spiele. Das war auch damals so. Der Erfolg zu einem so frühen Zeitpunkt hat unsere Motivation noch erhöht, aber es war eben auch nur ein Sieg. Natürlich wollen wir das zu Hause wiederholen.
Nach nur einem Dreier aus elf Spielen hat der Club seine Herbst-Krise mittlerweile überwunden. Was ist für das Hecking-Team noch drin?
Ich habe den Sieg gegen Leverkusen gesehen, das war ein tolles Spiel. Da haben sie mich wirklich überzeugt. Vom 2:0 gegen Hertha BSC kenne ich leider nur das Ergebnis. Aber ich gehe fest davon aus, dass der Club am Ende im gesicherten Mittelfeld landen wird.
Die Club-Aufstellung für das Spiel in Hannover und mehr zum Wochenend-Plan lesen Sie in der Printausgabe Ihrer AZ vom 27. Januar.